Die Gedenkstätte für Opfer der Euthanasie im Dritten Reich am Bezirksklinikum Mainkofen konfrontiert die Besucher mit der Vergangenheit auf eine Weise, die kein Geschichtsbuch und auch kein Unterricht im Klassenzimmer leisten kann. Die ILV-Gruppe der 9. Jahrgangsstufe hatte die Gelegenheit, diesen geschichtsträchtigen Ort zu besuchen und sich mit den Schicksalen der Menschen auseinanderzusetzen.

Jochen Rössler, Leiter der Gedenkstätte, holte die Gruppe am Bahnhof Pankofen ab. Der Weg zum Bezirksklinikum ist heute noch derselbe wie vor rund 90 Jahren. Damals kam eine Gruppe von über 100 Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche, aus Hamburg an, die nach Mainkofen verlegt worden waren. Bereits auf dem kurzen Fußmarsch lernten die Schülerinnen und Schüler einen Jungen von damals kennen. Abwechselnd durften sie kurze Ausschnitte aus seiner Biografie vorlesen und erfuhren, wie es ihm während der Unterbringung in Mainkofen ergangen ist. Später suchten sie auf dem Gelände der Gedenkstätte nach der Stelle, an der er begraben liegt.

 

 

 

Auch die langen Namenslisten derjenigen, die unter dem Decknamen Euthanasie den Tod fanden, hinterließen einen bleibenden Eindruck bei den Neuntklässlern. Durch eine völlig fleisch- und fettlose Ernährung tötete man in Mainkofen 762 Patienten in wenigen Monaten durch Entkräftung – man ließ sie verhungern. Über 600 Menschen wurden im Rahmen der Aktion T4 aus Mainkofen nach Hartheim transportiert und starben dort in den Gaskammern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wärme und eine Stärkung empfingen die Schüler nach dem bewegenden Rundgang im großen Sitzungssaal, in dem Rössler die Geschichte des Klinikums lebendig werden ließ. 1911 als Heil- und Pflegeanstalt eröffnet, waren die Behandlungsmethoden beispielhaft für die damalige moderne Reformpsychiatrie. Ihr dunkelstes Kapitel erlebte die Einrichtung im Nationalsozialismus. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder Erkrankungen und Menschen mit Behinderungen galten als erbbiologisch und gesellschaftlich minderwertig, als unnütz und lebensunwert. Über 1300 Männer, Frauen und Jugendliche aus Mainkofen fanden durch das nationalsozialistische Euthanasie-Mordprogramm den Tod.

 

 

Besonders greifbar wurde das Schicksal der Patienten, als Rössler einige Akten aufschlug. In zahlreichen Dokumenten sind die Aufnahme im Klinikum, die „Behandlungen“ wie etwa Zwangssterilisation sowie der Tod der Menschen dokumentiert. Auch Briefe sind in den Akten aufbewahrt. Vor über zehn Jahren hat Gerhard Schneider, damaliger Leiter des Klinikums, die „Akten-Schätze“ gefunden und sich mit viel Engagement für die Aufarbeitung eingesetzt, was letztlich zur Einrichtung der Gedenkstätte führte. Ein Teil der Dokumente ist inzwischen gesichtet, viele warten noch ungeöffnet auf Entdecker. Spätestens als Rössler aus Briefen von oder an Patienten vorlas, stand fest, dass die Schülerinnen und Schüler sich mit der Thematik Euthanasie in Mainkofen und den erhaltenen Dokumenten noch weiter beschäftigen möchten. Wie genau, wird sich im Schuljahr zeigen!

Kerstin Troiber und Bettina Wensauer