Am Dienstag stellten sich die Schülerinnen und Schüler bayernweit der Abiturprüfung in Deutsch. Eine der Aufgaben bezog sich auf das Gedicht „Wann kam die erste Nachtigall darauf“ (2022) von Hellmuth Opitz. Darin lautet die bittere Schlusspassage: „Schreien muss man in dieser Welt. Schreien.“ Der sehr aktuelle Text wirft einen sarkastischen und kritischen Blick auf die Verdrängung der Vogelstimmen durch den Lärm des Verkehrs in unserer Zeit. Wie anders klang dagegen die Nachtigall bei Joseph von Eichendorff in der Romantik, die im lyrischen Ich Sehnsucht und Aufbruchswillen weckt. Sein Gedicht „Nachtklänge“ sollte vergleichend untersucht werden.
Als zweites literarisches Thema stand ein Auszug aus der Erzählung „Der Augsburger Kreidekreis“ von Bertolt Brecht zur Wahl. Darin geht es um das Schicksal eines Kindes im Dreißigjährigen Krieg. Nachdem die leibliche Mutter das Kind verlassen hat, übernimmt eine Magd die Rolle der Mutter. Die Figur Richter Dollinger, der im Textausschnitt eine wichtige Rolle spielt, sollten die Prüflinge mit Dorfrichter Adam aus Heinrich von Kleists Drama „Der zerbrochene Krug“ vergleichen. Kleists Stück gehört derzeit zu den Pflichtlektüren in der gymnasialen Oberstufe, ebenso wie der Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck.
Bei den Sachtexten gab es ebenfalls zwei Themenstellungen. Zum einen sollte ein informierender Text zum Thema „Das Motiv des Automobils in der Literatur um 1900“ auf Grundlage umfangreicher Materialien verfasst werden. Darunter etwa ein Aufsatz der Literaturwissenschaftlerin Doris Müller aus dem Jahr 2004. Sie verweist darauf, dass die Reaktionen auf technische Phänomene zur Jahrhundertwende vielfältig und teils widersprüchlich in literarischen Texten niedergelegt sind.
Die vierte Aufgabe forderte eine erörternde Auseinandersetzung mit dem Text „Alles und nichts sagen. Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne“ von Eva Menasse (2023). Im Mittelpunkt steht die digitale Kommunikation über E‑Mails, Messenger‑Dienste und soziale Medien, die sich durch Geschwindigkeit, Unmittelbarkeit trotz räumlicher Distanz, die Möglichkeit der Vervielfältigung und eine prinzipielle Unlöschbarkeit verändert hat.
Am Gymnasium Viechtach wählten die Schülerinnen und Schüler ausgewogen aus den vier Prüfungsthemen. Aus Sicht der Kursleiter waren die Aufgabenstellungen fair und gut machbar. Schulleiter Martin Friedl freut sich über den bisher reibungslosen Ablauf der Prüfungen, die nicht zuletzt auf das große Engagements des Kollegiums zurückzuführen ist.
Bettina Wensauer